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Die
historische Situation zur Zeit der hl. Rita
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Moral
("Moralschriftchen")
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Die gesammelten Texte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Sie sind ein Versuch, sich dieser großartigen Frau und Heiligen,
der hl. Rita, und Ihrer Botschaft zu nähern.
Von
Rita selbst haben wir nichts Schriftliches in Händen. Ihr
Lebenszeugnis "spricht Bände", weshalb sich viele
Menschen bis heute auf "Spurensuche" begeben haben.
Leider
gibt es nur wenig Literatur in deutscher Sprache. Sobald es neuere
Erkenntnisse gibt, werden sie nach Überprüfung in die
Texte aufgenommen.
Entscheidend
und wichtig für unser Leben ist, dass die hl. Rita für
uns eine treue Wegbegleiterin sein möchte.
Nach wie vor können unendlich viele Menschen dies durch ganz
konkrete Erfahrungen
bestätigen.
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Documentazione
Ritiana Antica
Pater
Agostine Trapè OSA, Vittorio Peri (Assisi) und viele
Forscher, v.a in Italien und Spanien, suchen nach exakten Anhaltspunkten
für einen chronologischen Lebenslauf der hl. Rita. Manches
wird für immer im Dunkeln, unserem Wissen verborgen und
deshalb auch Stückwerk bleiben.
Pater
Damasus Trapp OSA hat zur Herausgabe der Bände der Documentazione
Ritiana Antica (in ital. Sprache),
die auf seine Initiative hin zusammengestellt wurden, am 3.
März 1969 eine Zusammenfassung der 3 Bände in deutscher
Sprache geschrieben. In den Texten zur Geschichte
- die Zeit der hl. Rita - wird daraus unter der Angabe D.T.
zitiert.
1.
Band: "Der Prozess von 1626 und seine Literatur"
(in anastatischem
Verfahren* wiedergegeben = anastatischer Druck: chem. Verfahren
zur Vervielfältigung alter Drucke)
-
Kopie dieses Prozesses, in Kanzleischrift geschrieben (Sie
wird im Erzbischöflichen Archiv von Spoleto aufbewahrt.
Der Band ist mit umfangreichen Registern versehen,
die von den Schwestern von Cascia in mühsamer Kleinarbeit
zusammengestellt wurde.)
- den "Codex miraculorum" (=Wunderkatalog) von 1552
(d.h. "die hauptsächlichsten Wunder und Gnadenerweise,
wie man sie im Seligsprechungsprozess liest")
- Mirakelbuch von Spoleto
- das "Leben der seligen Rita von Cascia aus dem Orden
des hl.Augustinus" von P. Agostino Cavalucci OSA (17 Jhd)
2.
Band: P.Trapp prüft darin die vorhandenen Dokumente,
um das "wahre Antlitz der hl.Rita" zu finden und darzustellen, gute
Reproduktionen, z.T. in Farben > Rekonstruktion des Lebenslaufs
der hl.Rita
-
Darstellungen auf dem alten Sarkophag = sogen. "cassa solenne"
gegenüber der - "cassa umile" = einfacher
Holzsarg, umschlossen von reich bebilderten äußeren
Kassette (1457) und Hymnus auf passionsmystisches
und caritatives Leben- Darstellung in "S. Francesco, Cascia"
- kurz nach dem Tod der hl.Rita: kleine Biographie von einem
Advokat von Cascia
(> Originalausgabe Augustinusverlag, Wbg.)
3.
Band: historisches Antlitz von Cascia z. Z. der hl.Rita
-
vollständige Veröffentlichung der Verfassung / Statuten
der "Potenza" (der "kleinen Herrschaft")
gedruckt 1545,
einen geschichtlichen Bericht von P. L. Vannutelli
OSA (Perugia 1925) und historische Erinnerungen von Cascia von
M. Franceschini (Cascia 1913)
- kleines Traktat aus dem Klosterarchiv = Anleitung zur Frömmigkeit
- Manuskript aus dem 15. Jahrhundert - im volkstümlichen
italienischen Dialekt
weitere
Quellen:
- die sogenannten "sechsteiligen Gemälde" und
weitere Bilder und Fresken
-
"Moralschriftchen", das sich im Kloster der hl. Rita
fand
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Auch
die Kirche Gottes stand zu Ritas Zeiten im Schatten trüber
Ereignisse. Großherzige Menschen wie Rita und Franz von
Assisi leuchteten in Licht und Liebe und gaben Zeugnis von der
inneren Kraft der Kirche. Dieselbe Kirche aber litt unter menschlichen
Schwächen und wurde nur all zu oft missbraucht im Spiel von
Ehrgeiz und Stolz als Machtinstrument der Erpresser und Unterdrücker.
Die ungeheuere Tragik des großen Schismas, jener
schrecklichen Zeit, die nicht nur papstlos war, sondern von mehreren
Päpsten zugleich "regiert" wurde, erfüllte
auch Rita mit Schmerz und Sorge. Zwei, ja sogar drei zu gleicher
Zeit regierende Päpste führten in skandalöser Weise
miteinander Krieg. Keine Waffe, auch nicht der Kirchenbann, wurde
gescheut, und gezwungenermaßen war jeder Christ, auch die
hl. Rita, wenigstens auf dem Papier zeitweise exkommuniziert.
Gegen diesen Missbrauch der Macht in den höchsten kirchlichen
Ämtern donnerten die Geistesgelehrten von Cascia, die Augustiner
und Franziskaner, sowie die Einsiedler in den Bergen vor der Stadt.
Mit flammenden Worten geißelten sie Papst und Bischof und
legten ihr Augenmerk auf die Heilung der schwärenden Wunden
inmitten der 'kleinen' Christen. Es brachte nichts ein, sich auf
die große, nur in Träumen existierende Kirchenreform
zu konzentrieren. Die praktische Erneuerung jedes einzelnen Menschen
musste in den Vordergrund gerückt werden.
Eine kleine Moralschrift aus dem Rita-Jahr-Cascias, gibt uns einen
lebendigen und klaren Abriss der religiösen Lage dieses geschichtlichen
Abschnitts. Natürlich wäre es verfehlt, nur schwarz
in schwarz zu malen. Der gleiche Himmel mit der immer gleich strahlenden
Sonne spannte sich über die sich immer gleichen Herzen, in
denen wohl auch ein tiefes Glaubensleben pulsierte und der echte,
wenn eben auch schwacher Wille lebendig war.
Am Horizont zeichneten sich bereits die dunklen Wolken des Schismas
ab, das 1378 zum Durchbruch kam. (D.T.)
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Kloster
der S. Maria Magdalena
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Lage
des Klosters
Das heutige Rita-Kloster trug lange den Namen der hl. Maria
Magdalena. Am Berge gelegen, umspülte das Flüsschen
Corno seine Mauern. Bis zum großen Erdbeben im Jahre 1328
war es von Benediktinerinnen bewohnt.
Das Kloster St. Augustin lag im Zentrum von Regierung, Bürgertum
und Befestigung. Wegen der Nähe dieser Gebäude war
sie praktisch die offizielle Kirche Cascias. Im Stadtgesetz
sind ihr 10 mal soviel Privilegien als den anderen Kirchen zuerkannt
und somit trug die Stadt einen ausgeprägt augustinischen
Charakter. In der näheren Umgebung fanden sich hoch in
den Bergen und Schluchten zahlreiche kleine Klausen augustinischen
Eremitentums.
Auch wissen wir von ihren Gängen nach St. Augustin, jenem
mächtigen Kirchenkomplex, der nahe bei der Festung und
den Regierungspalästen lag. Wegen seiner ehrwürdigen
Tradition und der herausragenden Platzierung der Kirche und
des Klosters gewann es eine derartige Bedeutung, dass man ohne
weiteres Cascia als augustinische Stadt bezeichnen kann, obwohl
es auch andere kunstreiche und beachtenswerte Kirchen gab.
Es ist nicht undenkbar, dass St. Rita in der Kirche des hl.
Augustinus zur Augustinerin wurde. Jedenfalls wählte sie
jene drei Heiligen, Augustinus, Johannes den Täufer und
Nikolaus von Tolentin zu ihren persönlichen Patronen, die
in dieser Kirche verehrt wurden.
Bis in die vergangenen Jahrhunderte hinein war Maria Magdalena
die Patronin der heiligen Stätte, nicht weil unter den
Benediktinerinnen auch Büßerinnen lebten, sondern
weil die Magdalenen-Reliquien zur damaligen Zeit gerade in Frankreich
"entdeckt" und berühmt geworden waren.
Das Klostergebäude
Heute hat das Kloster natürlich weit größere
Ausmaße als zu Ritas Zeiten.
Außer der Mitgift von 150 Gulden (Stadtgesetz von 1401)
hatte die hl.Rita auch noch die kleine Klosterkirche aus ihrem
Vermögen renoviert.
Das eigentliche Gebäude vom ehemaligen Kloster und auch
die Kirche sind zum größten Teil erhalten. Sie sind
im rechten Winkel aufeinander hingeordnet, so dass der Grundriss
die Form eines L bildet. Der lange Schenkel ist in den Berg
eingebaut, der kurze deutet ins Tal. Heute noch ist am Ende
der Langseite die Zelle der heiligen Rita zu sehen, klein und
arm, in der sie 40 lange Klosterjahre, von 1407 - 1447, ihr
Leben der Liebe und des Opfers zubrachte. Man gewahrt ein kleines
Fenster, durch das man den Berg mit dem Namen 'Wunderschau'
erblicken kann. Darunter führt der Weg vorbei, der nach
St. Augustin hinaufführt und den sie so oft gegangen ist.
An der Ecke jenes Rechteckes im Klosterhof, das der Grundplan
beschreibt, befindet sich noch ein altes Tor, einst der Haupteingang
zum Klösterchen von St. Magdalena. Dieses Tor war Zeuge
der mehrfachen Abweisung bei Ritas Aufnahmegesuchen, es war
auch Zeuge ihres treuen Glaubens, der endlich über alle
Schwierigkeiten siegte.
Denn auf dem alten sechsteiligen Gemälde einer Rita-Biographie
für Analphabeten ist die Wichtigkeit der Aufnahme Ritas
deutlich gemacht und für die Lesekundigen mit triumphalischen
Worten bestätigt.
Vom Klosterhofe aus, dessen Zisterne und Pflaster schon vor
Rita existierten, führt eine Tür in den kleinen Chor
für die 10 oder 11 Mitschwestern, mit denen Rita hier betete.
In diesem Chor wurden die Konventskapitel gehalten und da pflegte
man auch die Profess abzulegen.
Auch wurde nach dem Tode Ritas hier lange Jahre ihr Leib aufbewahrt
und zwar in Altarnähe an der Stelle, wo man die Professformel
las.
Unter dem Chor befindet sich in gleicher Architektur wie dieser
das sogenannte "Chörchen". Beide sind durch eine
schmale Steintreppe miteinander verbunden. Im "Chörchen"
befand sich auf der gleichen Ebene wie der Kirchenboden das
Kommuniongitter der Nonnen. Von hier aus führte eine Türe
zur Empore, dem Matroneum, in dem die Schwestern der hl. Messe
beiwohnten.
Die Umrisse dieser Tür sind noch in der Chorwand zu sehen.
Die
Mitschwestern
Dokumentarisch sind sieben Namen der Mitschwestern Ritas bekannt.
Mit ihnen verbrachte sie 40 gemeinsame Klosterjahre. Davon war
eine Verwandte ihres Gatten, die den Namen Katharina Antonii
Mancini trug.
Zur Profess waren auch Witwen zugelassen, von denen uns einige
im notariellen Archiv des Klosters namentlich bekannt sind.
Dieses Archiv wurde im Jahre 1440 begonnen und bis zum Tridentinum
geführt. Einige dieser offiziellen Notare waren gleichzeitig
Konversi des Klosters, die in seinem Schatten lebten, ihm treu
dienten und auch da starben.
Als Äbtissin fungierte immer die an Jahren Älteste.
Die Präzedenz hing ab vom Alter der einzelnen Nonnen. In
der Folge, in welcher sich die Chorstühle nach oben lichteten,
rückte man auf mit der Aussicht, einmal Nachfolgerin der
Äbtissin zu werden. Witwen waren in jedem Falle älter
als jene Schwestern, die als junge Mädchen eingetreten
waren. Deshalb wurde eine Witwe kaum einmal Äbtissin, außer
in akuten Pestzeiten. Auch Rita war nie Äbtissin. Bei ihrem
Eintritt im Jahre 1407 fand sie neun oder zehn Mitschwestern
über sich. Zur Zeit ihres Todes waren noch sieben davon
am Leben.
Unterschiede zwischen Chor- und Laienschwestern kannte man nicht.
Wer lesen konnte, - und scheinbar war dies bei allen der Fall,
- ging in den Chor zum hl. Offizium. Die anderen Schwestern
beschäftigten sich mit der üblichen Hausarbeit.
Auch kannte man keine eigentliche Ordenstracht. Man wollte nicht
kontemplative Benediktinerin sein, sondern dem Volke nahe bleiben.
Als Kleid trug man das Gewand der vornehmeren älteren Damen.
Das weiße Kinnband war noch völlig unbekannt. Es
tauchte bei den Ordenstrachten erst gegen 1480 auf und wurde
dann nachträglich auch dem Rita-Bild gegeben. Die volle
päpstliche Klausur war ebenfalls noch nicht eingeführt.
Alle Nonnen konnten vom Kloster aus Arme und Kranke in der Stadt
besuchen und betreuen. (D.T.)
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Heiliges
Jahr / Seligsprechung des hl. Nikolaus von Tolentino
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Frühere
Annahme:
Die hl. Rita pilgerte anlässlich des Heiligen Jahres mit
ihren Mitschwestern nach Rom. 15 Jahre trug sie die Stirnwunde.
Da sich für diese Zeit die Dornenwunde schloss (das war
die Bedingung für die Pilgerschaft) und sie die letzten
vier Jahre bettlägrig war, konnte diese Pilgerreise nur
innerhalb von 11 Jahren sein.
1300 war das erste Heilige Jahr ausgerufen worden, die folgenden
waren 1400 / 1423 / 1450 /1500 / ...
(s.a.: http://www.legion-mariens.de/theologische_Artikel/Geschichte_der_Heiligen_Jahre/geschichte_der_heiligen_jahre.html
)
Das
hat zur Folge:
> 1423 kann nicht zutreffen: selbst die früheste Annahme
der Stigmatisation wird auf 1432 datiert
> 1450 bedeutet, dass sie nicht 1447, sondern 1457 gestorben
ist.
Heute weiß man, dass die hl. Rita zur Seligsprechung eines
ihrer 3 Lieblingsheiligen nach Rom pilgerte, zu Nikolaus von
Tolentino.
Was aber auch bedeutet, dass die frühere Annahme doch stimmt
kann: Todesjahr 1447 (s.a. auch Prunksarkophag).
Allerdings muss sie enorme Schmerzen dabei auf sich genommen
haben (Polyarthritis im fortgeschrittenen Stadium).
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Es
wird teilweise erklärt, dass der Rosenkranz nachträglich
beim Friedens-Fresko in der Kirche S. Francesco dazu gemalt
worden wäre, weil es zur damaligen Zeit noch keinen Rosenkranz
gegeben hätte.
...Der
Verfasser der Moralschrift
lässt sich allerdings nicht vom frommen Augenaufschlag
der Cascianerin beschwichtigen. Er nimmt sie ins Verhör
und zwingt sie zu einer Gewissenserforschung, die beinahe keine
Schwächen unentdeckt lässt und damit ein vollendetes
Zeitbild gibt. "Du bist aufdringlich bei deinem Manne gewe-sen,
damit du viele Kleider kaufen konntest und noch vieles mehr,
als sein Vermögen ihm gestattet! Du kleine Heuchlerin!
Du machtest ohne Wissen deines Mannes mächtige Ausgaben
mit jenem Geld, das für den Haushalt bestimmt war; trotzdem
trägst du einen langen Rosenkranz und setzt eine
fromme Miene auf! Duckmäuserin mit deinem langen Rosenkränzchen,
willst du den lieben Gott vom Kreuze holen oder seine Heiligenbilder
von der Wand?" (D.T.)
Außerdem
sei darauf verwiesen, dass schon Katharina von Siena (1980+,
1 Jahr nach Ritas Geburt) mit einem Rosenkranz dargestellt wurde.
22 Jahre nach Ritas Tod, empfahl am 9.5.1479: Papst Sixtus IV.:
Bulle "Ea quae" bereits das tägliche Rosenkranzgebet.
Ab 1347 Das Auftreten der Pest läßt die Marienverehrung
sprunghaft ansteigen.
Vor
1444/1459: Der Bitt-Teil der heutigen Form ist zuerst beim Franziskaner
Bernardin von Siena (1380-1444) und beim Dominikaner Antoninus
von Florenz (1389-1459) nachzuweisen und ist wohl in toskanischen
oder umbrischen Laienbruderschaften in der Mitte des 15. Jahrhunderts
entstanden.
Wer
dazu Genaueres nachlesen möchte, für den ist folgende
Internetseite vielleicht aufschlussreich:
http://www.helmut-zenz.de/rosenkranz.html
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"Wunder"-Kriterien
(aus der sogen. "Kurze Biographie" 1457)
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Die
Kirchengeschichte berichtet von einem ähnliche revolutionären
Umschwung in der Behandlung des Heiligen-Kultes unter Papst
Urban VIII im Jahre 1625. Damals gab man das mittelalterliche
Kriterium von der Wundertätigkeit und der körperlichen
Unverwestheit als Hauptargument für die Heiligkeit auf
und zog endlich den heroischen Charakter des Tugendlebens vor.
Die jetzige Veröffentlichung enthält (im I. Band)
außer dem genannten Prozess von 1626 den "Codex miraculorum"
(Wunderkatalog) von 1552, d.h. "die hauptsächlichsten
Wunder und Gnadenerweise, wie man sie im Seligsprechungsprozess
liest".
Schon
kurz nach Ritas Tode schreibt ein Advokat von Cascia eine kleine
Biographie "dieser hochedlen Frau, der Nonne Schwester
Rita" und bemerkt: "Gott (allein) schafft echte lichtvolle
Heiligkeit. Er wirkt Wunder, damit die Sünder auf das Leben
der Heiligen schauen und Verlangen tragen, zu leben, wie sie
gelebt haben. So wirkt er sie auch jetzt, um den Menschen das
Leben dieser Ordensfrau als Modell vorzulegen, die Gott diente
in Liebe, indem sie 40 Jahre lang das monastische Ideal lebte
in Fasten und Gebet. Sie war treu im Dienste Gottes, und Gott,
Wunder wirkend durch ihre Fürbitte, war treu, nach seinem
Wort: 'Er wird einem jeden vergelten nach seinen Werken'."
Die nachkonziliare Kirche hat endlich das Prinzip aufgestellt,
dass der öffentliche Kult eines Heiligen nur aufgrund einer
historischen Biographie gestattet werden kann, während
der Privatkult unangetastet bleibt. Für den Rita-Verehrer
bedeutet es darum eine freudige Überraschung, im traditionellen
Rita-Leben so viele verbürgte und beweisbare Gegebenheiten
zu finden. (D.T.)
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Moral
("Moralschriftchen")
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Das
kleine Moralschriftchen, das noch in die Zeit Ritas hineinreicht
und das dort in ihrem Kloster wiederentdeckt wurde, offenbart
in aufschlussreichen und verhaltenen Worten die Gedanken und die
Welt, in der sie lebte und die sie umgab.
So ist die Rede von dem oberflächlichen Christentum, mit
dem sich die Töchter Evas z.T. begnügten. Dafür
verwendeten sie umso mehr Zeit für den Kult der Schönheit,
der fast jeden Trick der modernen Kosmetik kannte (s.a. Mode).
Der Verfasser der Moralschrift lässt sich allerdings nicht
vom frommen Augenaufschlag der Cascianerin beschwichtigen. Er
nimmt sie ins Verhör und zwingt sie zu einer Gewissenserforschung,
die beinahe keine Schwächen unentdeckt lässt und damit
ein vollendetes Zeitbild gibt. "Du bist aufdringlich bei
deinem Manne gewe-sen, damit du viele Kleider kaufen konntest
und noch vieles mehr, als sein Vermögen ihm gestattet! Du
kleine Heuchlerin! Du machtest ohne Wissen deines Mannes mächtige
Ausgaben mit jenem Geld, das für den Haushalt bestimmt war;
trotzdem trägst du einen langen Rosenkranz und setzt eine
fromme Miene auf! Duckmäuserin mit deinem langen Rosenkränzchen,
willst du den lieben Gott vom Kreuze holen oder seine Heiligenbilder
von der Wand?" Muss man nicht lächeln über diese
unbesiegbare Weiblichkeit, die sich so lebhaft und aufdringlich
gibt? Sie beweist allzu deutlich, dass unsere Rita nicht unter
den Heiligen des Paradieses ihre Tage zubrachte, sondern unter
Frauen von normaler moralischer Erscheinung, unter lauter gewöhnlichen,
armen und diskutierbaren Kindern Cascias. Um uns Einsicht über
das Milieu von Cascia gewinnen zu lassen, ... wir weiter in den
Ausführungen des Moralschriftchens, das auch die Söhne
Adams nicht ungeschoren lässt. Auch sie waren nicht alle
Heilige. Sie zogen es z.B. vor, "die schöne Gelegenheit
der gebotenen Festtage zu vergeuden mit Ritterspiel und Tanz,
mit Singen zu Gitarren, mit Würfel, Karten, Ball- und Schachspiel".
- "Gern fingen sie Streit an, aßen und schliefen im
Übermaß, betrogen den Nächsten, vergeudeten ihre
Zeit und taten anderen, was sie auf keinen Fall sich selbst zu
tun wünschten". Auch sie vergaßen damals "Gott
zu danken für ihre Gaben und Talente, für ihre Gesundheit
und Schönheit, für ihren Reichtum und für ihre
Kinder". - "Sie brachten es nicht fertig, dem Nachbarn
zu verzeihen, sie beteten nicht für ihre lieben Toten, sie
vollstreckten nicht einmal ihr Testament und zahlten nicht ihre
Schulden". In der Schenke führten sie eine lose Zunge:
"Gott hätte das nicht machen dürfen", - "Gott
hat das gar nicht schön gemacht". Nicht anders als die
putzsüchtige Eva ging auch der eitle Adam nur allzu oft aus
dem Grunde zur Kirche, damit er schöne Mädchen sähe,
wenn er es nicht gar vorzog, außerhalb zu bleiben und "auf
dem Platze auf und ab zu stolzieren, mit den Augen an den Fenstern
und spähend nach einem hübschen Gesichtchen". Ausgesprochen
schwierig scheinen die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
gewesen zu sein: "Du hast deinen Eltern böse Antworten
gegeben, hast über sie zu Hause und in der Öffentlichkeit
gemurrt; du hast sie verlacht und ihnen nicht behilflich beigestanden,
wo sie auf dich angewiesen waren...". Motive zu heimlichen
Tränen gab es also auch in den Häusern jenes Cascia,
das nun seit 500 Jahren nicht mehr ist. Und das arme Fleisch?
In nichts unterscheidet es sich von den heutigen Tatsächlichkeiten.
"Du hast dich verliebt und bist zur Messe gegangen nur deiner
Liebsten wegen, du hast geküsst und umarmt..., ihretwegen
hast du Streit angefangen und deine hitzigen Worte ließen
die Degen klirren..., du hast dich vor anderen deiner Sünden
gerühmt, auch derjenigen, die du gar nicht begangen hattest.
Du sagtest: 'O, wenn ich ein Vöglein wär', flög'
ich in das Kämmerchen meiner Flamme', ... du hast Anderen
das schlimmste Beispiel gegeben...". Das Register ist wie
eine zeitlos gültige Gewissenserforschung; - und solch ein
junger Mann warb um Rita, liebte und heiratete sie. Ein ausführlicher
Sündenkatalog wird in der Moralschrift verzeichnet: Raub,
grober Diebstahl, Wucher, Simonie (=Kauf oder Verkauf
von geistlichen Ämtern oder Dingen). Alle Schwächen
ziehen am scharfen Auge des Inquisitors vorüber: "Du
hast betrogen beim Kaufen und Verkaufen, du hast geschworen, um
größeren Kredit zu machen, du hast Falschgeld unter
das gute gemischt, du hast geschwindelt an der Waage..., hast
gestohlene Dinge gekauft..., vom hohen Rosse herab hast du den
armen Bauern geschädigt und deine Pferde durch sein Getreide
gejagt". Scheinbar war also der stolze Ritter mit dem Falken
auf der Hand nicht immer von ritterlicher Gesinnung. Als schlimmste
Anklage gegen eine stolze Cascianerin aber galt jener Vorwurf:
"Deine Mitgift ist gestohlenes Gut, Frucht aus dem Wucher
deines Vaters!" Die Handelsmoral ist diejenige der Paragraphen
des Stadtgesetzes, das die gleichen Vergehen verhüten wollte:
"Beim Kartenspiel hast du die anderen listig hintergangen...,
du hast den Arbeitern den Lohn vorenthalten..., du hast gekauft
und nicht bezahlt..., hast Schaden zugefügt, ohne ihn zu
ersetzen..., das Brot eher den Hunden als den Armen gegeben...,
und wenn du schon mit herablassender Geste Almosen gabst, so geschah
es mit mürrischer Miene..., du fälltest als Schiedsrichter
unwahren Spruch, weil du dich nicht kümmerst um Recht und
Unrecht, aus Freundschaft und aus Liebe zum Bestechungsgeld".
Auch dies klingt uns nicht allzu fremd in den Ohren. Geiz, Esslust,
Trinklust und das arme Fleisch (in dieser Reihenfolge!) sind die
Haupttendenzen, die der strenge Moralist zuletzt hernimmt, weil
man damals wusste, dass die Laster des Stolzes, des Neides, des
Zorns und des Sich-gehen-lassens weit verhängnisvollere Ausflüchte
für das Menschenherz sind. Inmitten dieser Menschheit und
Menschlichkeit hat Rita ein Leben in Heiligkeit und seelischer
Transparenz geführt. Von ihren Mitbürgern hat der Wind
auch das letzte Körnchen Staub verweht; sie aber lebt seit
500 Jahren weiter für Tausende ihrer Verehrer und Bewunderer.
Wer über Heiligkeit vergangener Zeiten berichtet, kommt in
die Versuchung, dem heutigen Rahmen der religiös - gesellschaftlichen
Kritik einen idealisierten historischen gegenüber zu stellen.
Sicher ist das nicht die Wirklichkeit. Immer gibt der Mensch mit
seiner Menschlichkeit das Maß. Wer also heilig werden will,
muss den Mut besitzen, unter den Zeitgenossen zu leben, die Gutes
und Böses in sich vereinen. Mit sehr betonten Akzenten spricht
das Schriftchen von Stolz, Zorn, Neid und von dem totalen Sich-gehen-lassen,
so dass die Beschreibung vom Leser unwillkürlich als persönliche
Herausforderung verstanden werden muss. Auch unsre Heilige wird
sich solche Worte zu Herzen genommen haben, die unmissverständlich
von der Kanzel fielen; denn es zittern eher die Heiligen denn
die Sünder.
"Der Stolz ist ein Hochmut des Geistes. Stolz heißt,
sein Haupt erheben und andere verachten; Stolz heißt, die
anderen übertrumpfen: Du hast dich immer mit dem Verlangen
getragen, die anderen zu kommandieren..., du hast dich in Überheblichkeit
gewiegt wegen deines Reichtums, wegen deines Namens, wegen deiner
Beredsamkeit, der Schönheit deiner Gestalt und des Adels
deines Blutes..., auch wegen deiner Gewandung..., du hast danach
getrachtet, die Fehler anderer zu erfahren..., du hast dich gefreut,
wenn andere eine skandalöse Tat begingen, um nicht allein
als Sünder zu erscheinen..., du warst arrogant im Tadeln
der anderen..., du hast die Armen, Gebrechlichen und einfachen
Leute verachtet..., du hast dich ins Licht gestellt, mehr als
es deine Tüchtigkeit und die Arbeit deiner Hände es
dir erlaubt hätten..., du hast dich gebrüstet, zu haben,
was du nicht hast, zu wissen, was du nicht weißt, zu können,
was du nicht kannst..., du hast bei Tisch den ersten Platz begehrt,
ebenso bei der Predigt, beim Tanz und in der Politik..., du hast
das Gute der anderen gelästert: '...der weiß nichts,
der versteht nichts'..., nur um selber gelobt zu werden..., du
hast dir selber mehr geglaubt als dem, der das größere
Wissen besaß..., du hast dem Bösen eher gehorcht als
dem Guten."
Frauen und Männer zu Ritas Zeiten sind also von unseren Zeitgenossen
nicht sehr verschieden. Aber anzuerkennen ist der Mut, mit dem
sie die eigene moralische Erscheinung im Spiegel der Selbstbetrachtung
unbarmherzig annehmen. Die Rüge gegen den Neid, das wie ein
grünäugiges Ungetüm sich in vielen erbärmlich-kleinlichen
Seelen verbirgt, ist geradezu halluzinierend: "Es hat dir
leid getan, Menschen zu sehen, die einen gewichtigeren Namen tragen
als du, weil du deshalb deinen eigenen Namen schon geschmälert
glaubtest..., aus Neid hast du Gottes Gnade verschmäht, hast
getrauert, weil Gott andere mehr liebt als dich..., aus Neid wünschtest
du die Vernichtung des anderen, die Vernichtung seines guten Namens,
seines Eigentums, ja seiner Person..., aus Neid brachst du den
Amtseid..., du freutest dich, als deinem Feinde Unglück geschah...,
du hast dich ergötzt an der Verzweiflung der anderen...".
In einem Cascia, das sich von der Vendetta, dem Rachesystem, zerfleischen
ließ, darf es niemanden wundern, wenn Zorn gleichbedeutend
ist mit der Lust und Gier nach Rache. Wie viele konnte man dieser
Sünde zeihen! Oft ging die Rache weit über das Maß
des geschehenen Unrechts hinaus: "Anstatt eines Faustschlages
möchtest du ihm mit dem Messer antworten, ihn vielleicht
sogar töten".
Die Gewissenserforschung geht noch weiter: "Du bist so sehr
gegen den anderen erbost, dass du nichts Gutes von ihm und seiner
Familie hören kannst..., du bringst es nicht fertig, dein
Herz zu demütigen, um wieder mit ihm zu sprechen, ihm zu
verzeihen; ... du siehst es nicht gern, wenn dies jemand tut und
lässt sie dafür büßen..., aus Zorn hast du
Verleumdungsbriefe geschrieben..., du hast aus Zorn den Teufel
verflucht, den Wind, das Wasser, die Kälte, die Hitze und
die Fliegen, den Tag und die Stunde deiner Geburt, Sonne, Mond
und Sterne, Himmel und Hölle, Vater und Mutter, Brüder
und Schwestern, Söhne und Prälaten..., aus Zorn grolltest
du gegen Gott. 'Du grausamer Gott, warum tust du das?' "
... Vor diesem Verrat am natürlichen und göttlichem
Leben mit der tragischen Parallele des verratenen Talentes will
die Moralschrift möglichst Viele bewahren: "Du ließest
dich so gehen; du wolltest nicht aus dem Hause, auch nicht, um
die notwendigsten Besorgungen zu machen..., du ließest dich
so weit gehen, dass du dich selber hassen musstest..., dass du
mit niemanden reden wolltest..., du hast dich der Faulheit überlassen...,
du hast dich so an die Launenhaftigkeit verloren, dass, jemand
dir sagte: 'Gott gebe dir einen guten Tag', du ihm nicht einmal
antworten wolltest..., du hast mit Nichtigkeiten deine Zeit vergeudet,
bist über die Plätze und durch die ganze Stadt, ja in
die ganze Umgebung geschlendert, hast dich da und dort mit Tändeleien
ergötzt, hast nichts Gutes für deinen Leib getan und
noch weniger für deine Seele; und die Beichte hast du sogar
bist Ostern verschoben..., den Kranken deines Hauses gabst du
keine Gelegenheit zum Empfang der Sakramente."
Cascia war trotz allem immer bereit, Gottes Antlitz auch im menschlichsten
Zwielicht zu erkennen und zwar in jeglichen Lebenssituationen,
in den gewöhnlichsten und den erhabensten, im Boudoir
(= elegantes, privates Zimmer einer Dame), im Geschäft,
beim Gesang, beim Tanz und in der Politik.
Und siegte zuweilen der böse Wille, - oft genug war ein Fall
nur die Folge eines schwachen, nicht aber eines bösen Willens,
der in seiner Gottferne die Stimme des Gewissens nicht mehr klar
vernehmbar hören konnte, - so war im letzten die Macht der
Liebe, die sich einem größeren Herrn zu diensten gibt,
doch noch triumphierenden.
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Cascia
ist eine der ausgedehntesten, gebirgigsten und höchstgelegenen
Gemeinden von Umbrien. Durch ein Labyrinth von Bergen, die den
Eindruck der Isolierung erwecken, gelangt man dorthin.
Cascia
wurde 1328 und im 1700 Jhd. von einem Erdbeben erschüttert.
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Gesellschaft
Dichte Wälder überzogen die umbrischen Berge und ließen
an der öffentlichen Sicherheit manches zu wünschen
übrig. Die Armen verspürten ihr Armsein in einer weit
größeren Bitterkeit und die Reichen konnten sich
keineswegs mit unserer heutigen Vorstellung von Reichtum messen.
Der soziale Abstand jedoch war eine unüberbrückbare
Kluft, die den Armen verbittern, den Reichen selbstherrlich
werden ließ. Ein Menschenleben hatte keinen allzu großen
Wert; wer als Kind dem Schrecken der Pest entkam, konnte in
die Hände jener ruchlosen Söldnerscharen fallen, die
im Dienste großer oder kleiner Herren oder sogar auf eigene
Faust das Land plündernd, sengend, raubend und mordend
durchzogen. Hohe Summen von Brandschatzgeldern waren zu zahlen,
wollte man sich diese Horden des Unglücks vom Leibe halten.
Im Jahre 1394 ... "verübten die Cascianer alle Art
von Brandschatzung, Diebstahl, Raub, Einkerkerung, Mord, Baumschaden
und Frauenraub gegen die Stadt von Aquila", so wissen die
Dokumente zu berichten. Wohl verzieh diesmal die Stadt Aquila
großzügig das Unrecht. Aquilas König, Ladislaus
von Neapel, verbot seinen Leuten sogar die sogenannte "Cavalcata",
den Racheritt gegen Cascia.
Diese Scharmützel gingen jedoch nicht immer so glimpflich
aus. In der Regel war eine wütende Rache, die sog. "Vendetta",
das blutige Ende, die wie eine Drachensaat voller Hass und Grausamkeit
die einzelnen Bürger von Cascia in einen Bann von Leid
und Elend schlug. Der Racheritt eines Kleinstaates folgte dem
einer anderen Kleinrepublik auf dem Fuße. In wilder Besessenheit
jagten Aufgebrachte ihre Pferde durch Felder und Ansiedlungen,
brandschatzten und zerstörten nach Gutdünken, um es
von den Überfallenen bei gegebener Zeit wieder mit Zinsen
heimgezahlt zu bekommen. Auch gab es eine Art erlaubter oder
geduldeter Vergeltungsmaßnahme privater Art, wobei die
Wiedergutmachung von vermeintlichen Rechtsschäden erzwungen
werden konnte; allerdings nur von den Bürgern anderer Städte
und niemals von eigenen Mitbürgern.
Die Cascianer zur Zeit der hl. Rita hätten uns um das heutige
System der öffentlichen Sicherheit beneidet, das wir so
oft kritisieren. Nach Einbruch der Dunkelheit konnten sie das
Haus nicht verlassen, ohne als gefährliche Räuber
angesehen zu werden. Wollte z.B. ein Arzt im Dienste des nachts
durch die Stadt, so musste er sich durch eine Fackel oder Laterne
erkennbar machen.
Am Tage hörte die öffentliche Sicherheit an der Stadtmauer
auf. Außerhalb der Mauer trieben sich die in Acht und
Bann lebenden Opfer der Justiz von Cascia herum. Das Stadtgesetz
nennt sie "ex-banditi" und will sie so schnell und
unauffällig wie möglich verschwinden lassen; dasselbe
Gesetz aber ist der Ausgangspunkt immer neuer zwielichtiger
Gestalten. Auch der uralte Ehrenkodex des Rachezwanges verweist
in diese Richtung.
In der humanistischen Geschichtsperiode Cascias waren die Frauen
nicht ohne Kultur: Viele konnten lesen, andere auch schreiben.
Unter der Parole "Freiheit" hatte sich Cascia 1375
mit Florenz verbunden. 1377 hatte es den päpstlich-guelfischen
Podesta vertrieben. Kurz vorher, 1375, ließen sich die
Ghibellinen, sicher nicht aus reiner Liebe, mit dem kleinen
Volke von Cascia ein. Die Guelfen paktierten ihrerseits
aus ähnlichen Motiven mit der Bürgerschaft, die durch
einen politischen Schwindel im Jahre 1348 das niedrige Volk
um seine Rechte betrogen hatte, nur um alle Macht an sich zu
reißen.
Außerhalb der Stadt war die Situation nicht besser. Banden
und Banditen durchschwärmten die Gegend.
Das politische Leben
Der richterliche und exekutive Zweig von Cascias Regierung wurde
von dem "Podesta", dem Bürgermeister mit seinem
Vikar und seinem Statthalter, ferner von 4 Richtern, den 2 Polizei-Offizieren
und den 28 Polizisten gebildet. Diese Ämter wurden alle
6 Monate neu besetzt und zwar mit Männern aus der näheren
oder weiteren Umgebung, nie aber von Cascianern selbst. Jeder
dieser Regierungswechsel kostete dem Stadtsäckel 700 Gulden.
Cascias Bürger verlangten von den fremden Regierungsbeamten
absolute Neutralität und Rechtlichkeit. Sie durften sich
weder mit dem Adlerwimpel (Hoheitszeichen der Ghibellinen),
noch mit den Lilienfähnchen (Hoheitszeichen der Welfen
bzw. Guelfen), zeigen. Eine sprichwörtliche Unbestechlichkeit
sollte ihre Qualität unter Beweis stellen. Hielt dieser
Beweis auch stand? Sie regierten mit anmaßender Allmacht
und Allwissenheit, die sie sich durch Spitzel und Spione zu
verschaffen wussten. Diese wiederum entwickelten bei ihren dunklen
Geschäften einen sehr verdächtigen Eifer; bekamen
sie ja von den eingeforderten Geldstrafen die Hälfte als
Lohn. Und doch konnte niemand beweisen, ob dieses unsaubere
Geld zuweilen nicht in den Taschen der Regierenden selbst blieb.
Den gesetzgebenden Zweig der Regierung bildeten die Bürger
Cascias. Dazu gehörten die 24 Konsulen, - 4 für je
zwei Monate-, die 24 Ratsherren, die 24 Sachverständigen
und die 70 Beisassen. Berufsmilitär konnte die Stadt nicht
un-terhalten. Dafür hatten 200 Bürgersoldaten die
Ehre, im Kriegsfalle für das Vaterland zu sterben. Gelegentliche
Zwiste zwischen Bürgertum und gewöhnlichem Volk, zwischen
Welfen und Ghibellinen waren nicht selten. Das Gespenst der
Blutrache
trieb all zu oft sein Unwesen. Durch das Stadtgesetz selbst,
das fast keine Todesstrafe vorsah, dafür aber umso ausbeuterische
Geldbußen, wurden die kleinen Leute zum Banditentum angestiftet.
Die Söhne der besseren Familien zwang es im Falle eines
Konfliktes in das politische Exil. In den benachbarten kleinen
Republiken führten sie auf deren Festungen den Soldatendienst
aus. Kamen sie bei kriegerischen Händeln wieder mit den
Cascianern zusammen, so wurden sie bei der Gefangennahme sofort
hingerichtet. Ein so Geächteter in Acht und Bann (ex-bandito),
war nichts anderes als ein gehetztes Tier, völlig rechtlos
der Willkür preisgegeben. In Zivilfällen konnte er
also von jedem niedergeschlagen werden, wenn es nur nicht zum
Blutvergießen kam. Bei kriminellen Vor-kommnissen durfte
es nur nicht zum Totschlag kommen; die Hinrichtung selbst war
ja in Cascia zu vollstrecken. Ein menschlicher Zug im Gesetzbuch
Cascias gab den streitenden Parteien die Möglichkeit, sich
außerhalb des Gerichtes zu versöhnen; und zwar mit
sehr günstigen legalen Folgen im Gerichtshof selbst. Bei
einer solchen Versöhnung wurden sämtliche Geldstrafen
um ein Drittel gekürzt. Leider war die Staatskasse immer
leer und Cascia konnte sich diese Großherzigkeit nicht
all zulange leisten. Um das Jahr 1380 wurden die finanziellen
Vergüns-tigungen der außergerichtlichen Versöhnungen
wieder beschnitten. Es ist unschwer, sich vorzustellen, dass
viele Cascianer vor Torschluss zur Versöhnung mit ihrem
Gegner bereit waren. Erst kürzlich wurden gegen 20 solcher
Versöhnungsurkunden aus den Jahren 1380 - 1381 veröffentlicht.
Vendetta
(Blutrache )
Es war keine Außergewöhnlichkeit, im Parteihader
der Guelfen und Ghibellinen ein Opfer der erhitzten Gemüter
zu werden. Infolge alter Rachezustände und aufgrund der
Gegensätze zwischen dem Bürgertum und dem einfachen
Volke kam es immer wieder zum Blutvergießen. Die politischen
Kämpfe, die Zusammenstöße zwischen Stadt und
Land, die andauernde Drohung der wilden Kriegeshorden, die unablässig
die kleinen Republiken umschwärmten, wie auch die Kettenreaktionen
bei Familienrachen brachte zunächst das Leben der Höherstehenden
in Gefahr, wogegen das der Armen zumeist verschont blieb. Sie
starben als Opfer der zahlreichen Zeitkrankheiten. Ferdinand
aber wurde von Verrätern und satanischem Gesindel meuchlings
ermordet. Mit dieser unseligen Tat war nicht nur der Tod des
Vaters geplant, sondern man suchte auch die Söhne zu vernichten
und somit den Namen Mancini auszurotten.
Diese abscheuliche Untat konnten die Übeltäter direkt
vom Gesetze durchführen lassen. Denn falls sie über
das Stadtgesetz informiert waren, - wahrscheinlich waren es
selber auch Advokaten, - so hätte es genügt, die Jungen
zu einer Vergeltungsmaßnahme anzueifern. Sie brauchten
ihnen nur zuzuraunen, dass sie die Scheune des Mörders,
seinen Schuppen oder sein einsames Haus anzünden sollten.
Taten die Jungen wirklich etwas Ähnliches, so waren sie
der Todesstrafe verfallen; denn das Gesetz forderte Todesstrafe
auch schon für 14-jährige Jungen, die ein zufällig
bewohntes Haus angezündet hatten. Die Verräter bräuchten
also nur schwören oder schwören lassen, dass die Brandstiftung
an einem bewohnten Gebäude stattgefunden hatte - und schon
waren Ritas Söhne lauf Gesetz zum Tode verurteilt.
Leider ist diese Mutmaßung kein Roman, sondern eine Wahrscheinlichkeit,
die im Rahmen Cascias ernsthaft in Betracht gezogen werden muss.
Ein alter Hymnus besingt Rita als Mutter, als liebevolle
Mutter ihrer Kinder und als Schmerzensmutter derselben: Also
ist die Tragödie in Ritas Familie verbürgt. Dann folgen
im gleichen Hymnus zwei mysteriöse Zeilen, die dringend
eine Erklärung verlangen: "Rita, du hast das Exil
vermieden, damit ihnen kein qualvoller Henkertod zuteil werde".
In der Sprache Cascias heißt 'Exil' immer politisches
Exil. Fiel auf die Söhne der bürgerlichen Familien
die Todesstrafe, so pflegten sie in die Festungen der umliegenden
kleinen Republiken zu fliehen, um sich dort als Soldaten zu
verdingen. Wurden sie dann bei gelegentlichen Kriegshändeln
von den Cascianern gefangengenommen, so folgte unten am Corno-Fluss
die Enthauptung. Es wurden dort zahlreiche Gebeine gefunden.
Für Rita sprechen also alle Umstände, dass sie wirklich
um den Tod der Söhne betete, damit die Schande des Henkertodes
ihrer Familie erspart bleiben möge. Hätten sich die
Söhne in Acht und Bann in den Wäldern vor Cascia herumgetrieben,
so müssten sie das Leben von gehetzten Tieren führen,
immer in Gefahr, von den Verfolgern niedergeschlagen zu werden
mit der einzigen Einschränkung: 'ohne zu töten' -
. War der Schuldige schon zum Tode verurteilt, dann wollte man
den Pöbel nicht um das Schauspiel einer öffentlichen
Hinrichtung bringen.
Ein alter Zeuge berichtet, wie Rita das blutbefleckte Hemd ihres
ermordeten Mannes vor den Söhnen versteckt hielt. Dieses
corpus deliktum vor Augen hätte die Söhne zu einem
wahnsinnigen Racheakt angespornt. Und dann traf die immer schon
geahnte Befürchtung Ritas ein: Brandstiftung wurde zur
tödlichen Falle ihrer Kinder, die möglicherweise das
Stadtgesetz noch gar nicht kannten oder wenigstens nicht die
Tragweite des Tatbestandes.
Wie oft musste sie beobachten, dass die Gespräche verstummten,
sobald sie in einen Kreis von Leuten eintrat, die nichts besseres
zu tun hatten, als Rita mit Worten zu quälen: "Wenn
eine Rache geschieht, musste wohl auch eine Ursache da sein".
Üble Nachreden dieser Art waren mit einer Geldstrafe von
25 Gulden belegt. Wer jemanden, bis hinauf ins vierte Geschlecht,
eine Gewalttätigkeit vorwarf, der sollte jedes mal mit
einer schweren Geldbuße zurecht gewiesen werden, so wollte
es das Gesetz. Wer aber kann durch ein Gesetz böse Gedanken
und Worte fernhalten?
Die alte Biographie stammt aus der Zeit, in der nicht wenige
Frauen von der eigenen Familie hinter den Klostermauern begraben
wurden. Auch im Cascia der hl. Rita führte bürgerliche
Eitelkeit dazu, die erste Tochter mit überreicher Mitgift
standesgemäß zu verheiraten und die anderen logischerweise
ins Kloster zu stecken.
An und für sich hätte die Aufnahme Ritas ja den Klosterfrieden
sehr in Gefahr gebracht; denn das Stadtrecht von Cascia setzte
voraus, dass ein unschuldiges Opfer wie Rita im Hassbann der
Vendetta blieb und die klösterliche Gemeinschaft so unschuldigerweise
bedrohen konnte.
Schließlich hätten sich auch noch finanzielle Folgen
einstellen können, wenn eine Nonne, dann gewiss nicht die
heiligste, sich auf die tragischen Ereignisse in Ritas Familie
entsonnen und darauf angespielt hätte; sicher müsste
das Kloster dann mehr als einmal die gesetzliche Geldstrafe
von 25 Gulden entrichten. Die Aufnahme Ritas ist ein wahres
Zeichen für die Tatsache einer selbst vollzogenen Friedensstiftung.
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Da
sie unter streitenden Parteien Frieden stiften wollte, ist damit
gesagt, dass sie in einem gewissen Ansehen stand. Sollte ihre
Friedensstiftung auch vom öffentlichen Gerichte anerkannt
werden, so war die Rechtskundigkeit unerlässlich. Und schließlich
durfte eine gute Portion Zivilcourage nicht fehlen, wollte man
den Friedensschluss mit Autorität vertreten.
Die Tätigkeit des Friedensstifters erwies sich als ein wahrer
Bürgerdienst. Er verlangte Männer, die Prestige, Rechtskunde
und Mut besaßen.
Im Stadtrecht von Cascia ist die Kontur dieser Gestalt nicht klar
umrissen. Ihr häufiges Eingreifen entfaltete sich meist im
Hintergrunde der Öffentlichkeit. Jedoch hatte das Stadtrecht
verbürgt, dass eine außergerichtliche Friedensstiftung
Geltung haben sollte und die damit verbundenen Geldstrafen noch
um ein Drittel reduziert seien. Dieser finanzielle Vorteil war
ein verlockendes Argument im Munde eines Friedensstifters. Die
meisten Zwangsmaßnahmen des Stadtgesetzes bestanden aus
empfindlich hohen Geldstrafen. Cascia kannte fast kein Todesurteil.
Die Stadt hatte lange Zeit hindurch die außergerichtliche
Friedensstiftung begünstigt. Um das Jahr 1380 sah sich Cascia
jedoch gezwungen, dieses Privileg gewaltig zu beschneiden. Fanceschini
gibt uns in seinem Geschichtsbuch Cascias die Gründe dafür
an: Wegen der hohen Kriegssteuer waren die Stadtkassen leer. Die
Kosten der Kriege und Kleinkriege, die Erpressungsgelder, die
an die wilden Söldnerscharen zu zahlen waren, um sie von
der Stadt abzuhalten, das alles zwang zu einer Änderung des
großzügigen Verfahrens.
Die Friedensurkunden in den Rita-Dokumentationen sind alle von
der Art, die rechtsmäßig im Gericht registriert werden
konnten. Dagegen konnten Friedensstiftungen, die nach einem
Morde notwendig wurden, offenbar nicht im Gerichte eingetragen
werden, ohne einen Kriminalprozess in Bewegung zu setzen. Sie
waren dazu bestimmt, geheimgehalten zu werden und im Archiv
eines Klosters für immer aufbewahrt zu werden; wenigstens
so lange, bis es erneut zum Friedensbruch kam.
Nach einem Morde, - beispielsweise nach dem Morde des Mannes der
hl. Rita, - kamen die Vorsitzenden der beiden Parteien, die ihren
gegenseitigen Hass begraben wollten, vor drei rechtskundigen Friedensstiftern
zusammen, deren Ehrbarkeit unantastbar sein musste. Die Oberhäupter
der beiden Parteien schwörten ewigen Frieden. Im Falle des
Friedensbruches wurde der Name des Schuldigen mit einer
öffentlichen Brandmarkung geahndet und ganz Cascia sollte
ihn einen Friedensbrecher und Verräter schelten. Die drei
Friedensstifter hatten die Friedensurkunde zu veröffentlichen.
Alle Unterschriften, die der Friedensstifter, des Notars, der
Versöhnten und aller Beteiligten wurden gezeigt und dann
der Stab über sie gebrochen und schließlich wurden
sie als Wortbrecher gebrandmarkt. Es ist verständlich, dass
dieses Amt Mannesmut voraussetzte; denn wer im Hasse fähig
war, den Frieden wieder zu brechen, dem war es wohl auch zuzutrauen,
sich an dem gründlich zu rächen, der seinen guten Namen
in den Staub zu ziehen wagte.
Im Kloster der hl. Rita ist uns nur eine einzige Friedensurkunde
erhalten geblieben und zwar aus dem Jahre 1562. Die Namen der
beiden Gegner sind Girolamo Flamineo und Marc Antonio Giovannbattista,
beide aus Cascia. Sie erscheinen vor den Friedensstiftern Marc
Antonio Cittadonio, Federigo Nikola und Toquato Fidato als Zeugen
und Friedensfestiger und dem Notar Francesco Frenfranello. Es
wäre natürlich schön gewesen, wenn wir die Friedensurkunde
in Händen hätten, die nach dem Mord von Ritas Gatte
ausgefertigt wurde. An deren Stelle haben wir aber noch mehr als
eine solche! Nicht nur ein Dokument aus Papier, sondern ein Friedensfresko
erzählt eine wundervolle Begebenheit.
Über dem ersten Altar beim Eingang rechts in der Kirche des
hl. Franz in Cascia war ein Freskobild, das eine Friedensstiftung
zwischen zwei feindlichen Familien mit Friedenskuss und Umarmung
darstellt. Offenbar war sie durch das Verdienst Ritas ... zustande
gekommen. Ritas Gestalt war links neben den beiden Familiengruppen
angebracht.
Dieses Fresko wurde, soweit es die Versöhnungsszene der beiden
Familien anzeigt, später (1504) mit dem Hammer abgeklopft.
Aber jener Teil des Bildes, auf dem Rita gemalt war, blieb unangetastet.
Im gleichen Jahre setzte man an die Stelle der Versöhnungsszene
eine Madonna mit St. Luzia und St. Johannes in der gleichen Arbeitstechnik.
Wieso geschah dies im Jahre 1504? Das war das Datum der letzten
großen Revolution, die von den Ghibellinen unter einem gewissen
Antonelli organisiert wurde. Sogar in Rom hatte man über
die zu erwartende Revolte munkeln hören. Als das Gerücht
deutlicher wurde, schickte der Papst den Podesta von Bevagna nach
Cascia. Er stiftete Frieden und ließ Antonelli auf das Kruzifix
schwören. Nichtsdestoweniger kamen die ängstlich verheimlichten
Vermutungen nicht zum Schweigen. Tatsächlich fand sich eines
Tages Antonelli mit 300 Reisigen hoch zu Ross ein. Der Sturm auf
die Festung begann. Diese antwortete den Angreifern mit wohlzielenden
kleinen Kanonen und bereitete ihnen eine wütende Vergeltung:
zahlreiche Tote und Verletzte waren zu verzeichnen; die übrigen
flohen.
Später, im Jahre 1517, wurden alle diese Familien vertrieben.
Als die Cascianer eines guten Tages wieder nach S. Francesco kamen,
zeigte sich ihnen die nackte Wand über dem Friedensaltar
als Beweis des sakrilegisch gebrochenen Friedens. Allein St. Rita
verharrte noch als eine liturgische Gestalt in unbesiegbarer Friedenshaltung
auf der zerstörten Wand. Und damit ist uns das älteste
Rita-Bild erhalten geblieben: Ein Vermächtnis aus der tragischen
Stunde einer jungen und heiligen Witwe.
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Das
Werk "De gestis Domini Salvatoris" (Die Gesten des Heilands)
von Simone Fidati, dem größten geistlichen Führer
seiner Zeit (1295-1348) in Florenz, Rom und in der Umgebung von
Cascia ist der Verehrung des Menschseins Christi gewidmet und
ist der Schlüssel, um auch die Heiligkeit der Rita von
Cascia zu verstehen. Diese im Mittelalter stark verbreitete
Verehrung entstand im Rahmen der augustinischen theologischen
Tradition, der sogenannten "Theologie des Herzens",
deren berühmte Vertreterinnen die Augustinerheiligen Rita
und Klara von Montefalco waren.
Ziel der Verehrung des Menschseins Christi war das Teilhaben der
Christen am Leben Christi, wie es uns von den Evangelien erzählt
wird. Es sollte in der "ehelichen" Liebe gelebt werden,
die jeden Gläubigen mit Christus vereint, vor allem im Teilhaben
oder im "Mitleiden" an den schmerzlichsten Momenten
seines Lebens, in erster Linie des Leidensweges des Kreuzes. Der
Franziskanermönch, der hl. Bernhard von Siena, kleidete diese
Verehrung in die Abkürzung JHS (Jesus Hominum Salvator, d.h.:
Jesus, Retter der Menschen", die sich unter dem Volk derart
verbreitete, dass sie als Zeichen des Schuztes auf den Türen
der Häuser eingeprägt wurde.
Dies wird zum Grund vieler Diskussionen unter den Theologen, denn
nach Ansicht einiger wurde die Göttlichkeit Christi kompromittiert,
die mit dem Zeichen XP (Khristos) ausgedrückt wurde.
Ein anonymer Maler zeichnete in Alternative die zwei Monogramme
auf dem Sarg, in den der Leib der hl. Rita von Cascia zehn Jahre
nach ihrem Tode gelegt wurde, womit die hl. Rita auch unter den
Theologen den Frieden stiftete.
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Die
Mauern Cascias und seine hoch aufragenden Türme erhoben sich
stolz auf den blau-grün bewaldeten Höhen. Die Häuser
der wohlhabenden Stadt trugen schon Ziegeldächer und die
Cascianer waren nicht wenig stolz auf die Wasseranlage in Ocosce,
an die ihre Stadt angeschlossen war, die zwar nicht im Überfluss
die Wasserleitung versorgte, jedoch für alle ausreichend.
Die hygienischen Vorkehrungen und Einrichtungen waren mustergültig
und das Plätschern der Brunnen an schönen Plätzen
der Innenstadt bestärkte den Eindruck der wohlhabenden Bürgerschaft.
Hoch oben auf dem Kamm des Apennin verlief der Saumpfad des mittelalterlichen
Handels von Florenz über Foligno und Cascia nach Neapel;
so wurde aus dem Provinzstädtchen eine kleine Handelsmacht.
Das bedeutete Wohlstand, Industrie, Forschritt und Humanismus
und damit die Voraussetzung für geistiges und geistliches
Leben. Es gab in Cascia Silberschmiede, Papiermühlen, Tuchfärber,
Glasereien, Tuchwalker und Handwerker der verschiedensten Art.
Rechtlichkeit im Handel, geeichte Maße in den Weinschenken,
die Stempel der Gesundheitsbehörde in Metzgereien und Bäckereien
und dergleichen sind im Stadtgesetz verankert, so dass dies alte
Cascia der hl. Rita auf den modernen Menschen einen überraschenden
Eindruck macht. Ihre äußere Umwelt war kein geschlossenes
Ghetto. Durch die direkte Verbindung zu Florenz und Neapel kamen
über die Kaufleute und deren Handelsknechte die Ereignisse
und Neuigkeiten auf unmittelbarem Wege in diese rührige Stadt,
deren Fenster, Türen und Horizonte weit aufgetan waren.
Diese Glanzzeit des wirtschaftlichen Aufstiegs dauerte allerdings
nicht lange, als Rom, die Stadt der Päpste, wegen seines
Schismas
in Ohnmacht lag. Sobald sie sich wieder effektiv zur Hauptstadt
verwandelt hatte, musste der Handel andere Wege vorziehen und
somit die Bedeutung Cascias in den Hintergrund treten.
Auch der Wandel der Militärwesen trug seinen Teil bei; denn
es war mit der Zeit unmöglich geworden, die engen Täler,
welche die Stadt umgaben, mit geringen Kosten zu verteidigen.
Rita erlebte den Niedergang ihrer Heimatstadt mit eigenen Augen.
Für den geschichtlich Interessierten ist der Tod Martin V.
als kritisches Jahr in der Historie Cascias als Anhaltspunkt gegeben.
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Eine
Cascianerin konnte sich ohne Zustimmung der Eltern weder verheiraten
noch ins Kloster gehen. So wollte es die strikte Vorschrift des
Stadtgesetzes. Gaben die Eltern nicht die Zustimmung zu Ritas
Zukunft, wer kann ihr dann nach ihrem Tode beistehen? Vielleicht
würde ein grausamer Betrüger über ihre Hand verfügen.
Sogar die Herren Konsulen hätten das Recht der Vormundschaft
über sie.
Bei diesem Ereignis zählte Rita 14 Jahre. Durch die politische
Endogamie wollte Cascia sich seine Macht sichern und so heiratete
und verheiratete die Bourgeoisie nur im eigenen Kreis. Aus diesen
Zusammenhängen kann man kaum annehmen, dass Ritas Mann nicht
aus der gleichen sozialen Schicht stammt, obwohl er bäuerlich
und guelfisch
war.
Hochzeitsfeier
Es kam der Tag des juridischen Eheversprechens oder des juridischen
Eheschlusses. Viele Einzelheiten einer solchen Feier sind uns
bekannt. Das Stadtgesetz hatte für Hochzeiten und Hochzeitsfeiern
kleinliche und exakte Vorschriften parat. die Freundinnen Ritas
wünschten der kleinen Braut alles Glück. Die Eltern
hatten Tränen stiller Freude in den Augen und waren selig,
ihren bürgerlichen Traum endlich verwirklicht zu sehen.
Die Feier konnte in der Kirche oder auch im Hause stattfinden
und nach alter Überlieferung trank man dabei ein Gläschen
guten Weines. Zehn Männer und zehn Frauen, die den Bräutigam
ins Haus der Braut begleitet hatten, waren zugegen. Ein Hochzeitsmahl
kannte man noch nicht. Die Zeremonie allein, die Schließung
des Ehekontraktes vor dem Staat, vor der Kirche und vor Gott war
der Mittelpunkt des Hochzeitstages. Nach dem männlichen 'Ja'
Ferdinands und dem entschlossenen 'Ja' Ritas bot man etwas Wein
und Kuchen an. Die Eheleute wechselten die Ringe, die vielleicht
ein Geschenk der Freunde waren. Jedes weitere Geschenk war vom
Stadtgesetz untersagt. Lediglich die Brautleute durften sich gegenseitig
beschenken. Nach Beendigung des Zeremoniells küsste Ferdinand
seine Rita und ließ sie dann "in der Obhut des Vaters"
zurück. Er hatte die Zeit abzuwarten, nach der er laut Stadtgesetz
mit Rita ein eheliches Leben beginnen durfte. Für die Mädchen
Cascias galt hierfür das 18. Lebensjahr, die jungen Männer
mussten in den hohen Zwanzigern stehen.
Nun erst wurde das eigentliche Hochzeitsfest begangen, das beinahe
biblisches Gepräge trug.
Ferdinand schickte eine Gruppe von Freunden aus, die Rita zu holen
und unter sein Dach zu geleiten hatten. ... Dies ist noch bis
heute erhalten, wenn frommer Eifer es auch gründlich umgebaut
hat. Auf dem Wege in das Haus des Bräutigams wurde Ritas
Truhe vor ihr hergetragen, die heute noch in manchen Gegenden,
die "Truhe der bräutlichen Hoffnung" heißt.
In ihr waren die Garderobe Ritas, ihre Küchengeräte
und die Geschenke für Ferdinand verwahrt, die sie ihm in
ihrer Liebe geben wollte.
Vor seinem Hause empfing Ferdinand seine junge Frau...
Man begab sich ins Haus und begann mit der Verwandtschaft von
Ferdinand Mancini das Festmahl. Für die Verwandten Ritas
gab er nach einer Woche ebenfalls ein solches Mahl. Die Ausgaben
hierfür waren vom Stadtrecht genauestens vorgeschrieben.
Es wurde ein frohes Fest, bei dem die Brautführer mit Humor
von den Abenteuern erzählten, die der Braut auf dem Wege
zugestoßen waren. Manch einer der Freunde versuchte, ihr
ein Geschenk zu überreichen. Diese Geste war vom Gesetze
streng verboten. Zum allgemeinen Gaudium spannten die großen
und die kleinen Spaßvögel hänfene Seile über
die Straße, um den Hochzeitszug zu blockieren. Nun war es
Sache der Brautführer, sich durch einen Zoll den Weg wieder
frei zu machen. Auch dieser Spaß stand unter strengem Verbot;...
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Die
Mode zur Zeit der hl. Rita
Auf alten authentischen Bildern trägt Rita keine eigentliche
Ordenstracht, sondern ein besseres Stadtgewand; so war es allgemeiner
Brauch vor dem Tridentinum. Wie die Damen und die Cavaliere (in
den heute ärmlichen Sträßchen Cascias sind einst
Damen und Cavaliere stolz einhergeschritten) sich zu kleiden pflegten,
erfahren wir aus einem "Moralschriftchen",
das sich im Kloster der hl. Rita fand. Es gibt uns sehr anschaulichen
Aufschluss über das nicht gerade sehr belobte Modetreiben.
Daraus zu schließen hatten die Schneiderinnen ein beachtliches
Einkommen. Als Mannes Kleidung galt die mittelalterliche Kapuze,
die auch von den hohen Herren Konsulen getragen wurde. Die Farben
Cascias prangten in hellen leuchtenden Tönen an den Livrees
der 2 Polizei-Offiziere und der 28 Polizisten und belebten das
Straßenbild. Die Herren der Regierung legten Sorgfalt auf
den Ausdruck ihrer Würde, der durch die Sitte ihrer gesellschaftlichen
Kreise vorgezeichnet war.
(Aus der "Moralschrift":) Auch sie wollten ihr Aussehen
korrigieren und "zupften sich die Wimpern zurecht, säuberten
die Stirn von jedem Härchen durch emsiges Rasieren",
um ihr Köpfchen hübsch zu machen. Zu diesem Zwecke liegen
sie, die Haare über die Schulter gelegt, in der Sonne, denn
ein Kunstwasser hat die dunklen Haare erblonden lassen und nun
muss jedem Erfordernis der Schönheit Tribut gezahlt werden.
Die Frisur sollte majestätischen Ausdruck zeigen, "sie
trugen hohe Haarwulste, Perlenschnüre in den Haaren, Gehänge
von Perlen und Seidenfransen." An den Schuhen liebte man
hohe Sohlen und Absätze um das, - so sagt der alte Moralist,
- "vorzutäuschen, was Gott gar nicht gemacht hat".
Und seht, da sitzt unsere kleine Eva des 15. Jahrhunderts vor
dem Spiegel im Boudoir, "geschniegelt und gestriegelt",
eine stolze, zierliche Eitelkeit, die den Kirchenbesuch nicht
nur dazu benutzt, um geistliches Verstehen und Verzeihung zu gewinnen,
sondern den entzückten Ausruf von schmeichlerischen Lippen
zu vernehmen: "Was ist doch das für eine schöne
Kreatur!"
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